Projekt London | Reisen

38MG_8972Ihr Lieben, am Freitag vor Nikolaus bin ich wieder auf deutschem Boden gelandet. Achtzehn Wochen habe ich in der Hauptstadt Großbritanniens verbracht. Vier lange Monate. Vielleicht hat der ein oder andere meinen Auslandsblog verfolgt, den ich nun mit Wehmut im Herzen ruhen lassen werde. Da ich auf diesem Blog keine einzige Momentaufnahme in den vergangenen Monaten verfasst habe, möchte ich nun einen zusammengefassten Monatsrückblick zu meiner Zeit in London geben.

Für mich war das Auslandssemester immer ein Stück in weiter Ferne. Doch als ich dann plötzlich im Flieger saß, die Arme hilflos Halt suchend um meinen Rucksack geschlungen und die Augen starr aus dem kleinen Fenster gerichtet, war es plötzlich soweit: Allein auf eine unbekannte Reise. Ein kleines Abenteuer, nur für mich ganz allein. Im Nachhinein gebe ich zu, das ich diesen Abstand auch einfach gebraucht habe. Es fühlte sich an, als würde eine dicke Seifenblase platzen, in der ich gefangen war. Die Stimme sind kein gedämpftes Surren mehr, die alltägliche Farben sind lebendiger, intensiver geworden. Und zum ersten Mal seit langem habe ich mir die Zeit genommen, mich mit dem zu beschäftigen, was in den vergangenen Jahren immer mehr in den Hintergrund verschwunden ist. Mich.

Ich war nie besonders gut in irgendwas. Ich liebte Bücher, ich schrieb gerne wirre Geschichten. Ich zog einen Abend mit einer Serie auf der Couch vor, als mit Freunden wegzugehen. Ich war nie der Partymensch. Ich hatte meine überschaubaren Freundeskreis, auf den ich mich immer verlassen konnte. Und meinen Freund, der mein Ein und Alles war. Und in der Zeit, die ich von all dem Fort war, konnte ich einmal aufatmen. Ich konnte mich einzig und allein mit mir befassen. Und es tat einfach verdammt gut.

Ich erlebte einen wunderbaren Sommer, einen goldbraunen Herbst und einen kühlen, reich geschmückten Winter in London. Für mich ging ein Lebenstraum in Erfüllung und ich genoss jede einzelne Sekunde. Ich lebte bei einem älteren Ehepaar im Haus, hatte ein eigenes Zimmer und Bad. Meine Gasteltern schloss ich sehr in mein Herz, sie waren unfassbar lieb und herzlich, hatten stets ein offenes Ohr und wir plauderten gerne über Bücher, verstecke Londoner Winkel und persönliche Dinge. Ich kann nur sagen, dass ich unfassbar froh war, diese beiden Menschen während meines Aufenthalts immer an meiner Seite zu haben.

DSCF52541Der Grund, weshalb ich ins Ausland reiste, war ein Praktikum. Ein Pflichtpraktikum meines Studiums, das mindestens zwölf Wochen im Ausland stattfinden soll. Ich war unglaublich aufgeregt und neugierig, als ich Anfang August mitten im Herzen Londons, direkt an der Themse, missmutig in das riesige Bürogebäude tappste. In den siebzehn Wochen, die ich in dieser Firma gearbeitet habe, begegnete ich unglaublich tollen Menschen. Mein Team war großartig, es bestand aus zehn Leuten, bun gemischt aus Ländern der Welt. Das Büro war recht schön, Mittwochs gab es immer gratis eine große Auswahl an Früchten, jeden zweiten Freitag Feierabend-Bier! Ich habe eine Lunch-Gang gehabt und wunderbare Freunde gefunden, die mir inzwischen sehr fehlen.

Falls ihr mit dem Gedanken spielt, selbst eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen: Was hält euch davon ab? Mich schreckten bei dem Gedanken an ein Auslandssemester immer diese Zettelei, diese Ämter und Organisation ab. Und vor allem die Kosten. Und die Sprache, das Fremde, das Alleine gehen. Es gab so viele Punkte, die dagegen sprachen. Und ich bin froh, dass ich es von meiner Uni aus machen musste. Ich hätte gekniffen, mit Sicherheit. Ich wäre zu faul gewesen, zu bequem.

Aber ganz ehrlich? Es kommt ein wenig Zettelei auf euch zu. Es war weniger, als ich erwartet habe. Und selbst wenn – herrje! Leider ist es ziemlich kostspielig. London ist die teuerste Stadt der Welt – aber ich habe es trotzdem irgendwie geschafft, nicht zu verhungern und auf der Straße zu schlafen. Ich hatte keine elterliche Unterstützung und Auslandsbafög hab ich auch nicht bekommen (danke dafür nochmal). Ich habe geplant und gerechnet, bin arbeiten gegangen, habe Geld gehortet und mich für das Erasmus-Stipendium beworben. Es klappt, wenn man Zeit und Energie reinsteckt. Und ich konnte so viel mitnehmen (auch Bücher, haha).Ich habe Personen und Dinge im Leben schätzen gelernt. Es hat sich irgendwie heraus kristallisiert, wer wirklich immer, immer ein offenes Ohr für mich hat. Und ich fand es ziemlich unglaublich, was für wunderbare Texte mich zwischendurch erreicht haben. Texte, die mich zum Lachen und Weinen gebracht haben. Ich habe unzählige Briefe aus der Heimat erhalten, von Familie und Freunden, mit warmen Worte, viel Liebe und eine gute Portion Aufmunterung.

DSCF6615Ich habe andere Kulturen, Sprachen, Traditionen und Gerichte kennengelernt. Das ist unfassbar! Die Menschen sind so offen, freundlich und überaus höflich. Man schenkt sich ein Lächeln in einer mehr als überfüllten Bahn, hilft einander und wechselt ein paar nette Worte im Vorbeigehen. Klar ist es alles ein wenig oberflächlich, aber man selbst merkt einfach, wie unfreundlich man eigentlich ist. Man wird lockerer, zufriedener und lächelt öfter einfach wildfremde Menschen an.

Ich habe viel von meinem Arbeitsumfeld lernen können. Der allgemeine Arbeitsalltag, der Kontakt zu Kollegen und Kunden, einfach konkrete Einblicke und Aufgaben des gesamten Tätigkeitsbereichs. Und das alles international. Ich hatte ein wunderbares Team, unfassbar witzige Momente und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Es gab Kuchentage, haufenweise Kekse und Kaffee und Nudeltage!

Ich habe London kennengelernt. Von allen Seiten, Ecken und Kanten. War im Osten, Süden, Norden, Westen unterwegs. Umarmte Fremde auf der Straße, probierte Köstlichkeiten fremder Kulturen an Straßenständen und spazierte durch die unzähligen Viertel der Stadt. London ist unglaublich vielfältig, multikulturell und man kann einfach immer etwas Neues sehen. London hat mich verzaubert, auf eine ganz andere Art. In London kannst du sein, wer du bist, ohne kritisiert zu werden.

DSCF6843Ich habe England ein wenig näher kennenlernen dürfen. Es gibt dort so wunderwunderschöne Städte, das glaubt ihr gar nicht! Allein Bath hat mich einfach nur verzaubert, es hat seinen ganz eigenen verträumten Stil. Man konnte einfach Momente außerhalb der Großstadt einfangen, englischer und voller Charme. Und wenn ein Tag zu Ende ging, ich im Zug Richtung London saß, spürte ich ein wohltuendes Heimweh nach der Großstadt im Herzen.

Ich habe eine neue Seite an der Beziehung mit meinem Freund kennengelernt. Es tat uns auf eine unangenehme Weise unfassbar gut zu spüren, was einem im Leben fehlt, wenn der andere tausend Kilometer entfernt lebt. Auf einmal ist man so unglaublich direkt und ehrlich, so komplett anders zueinander. Und mir ist bewusst, so wirklich fest bewusst geworden: Das ist er.DSCF7371

Ich durfte wundervolle Menschen kennenlernen. Herzliche, so unglaublich tolle Menschen. Sie werden mir so unendlich fehlen. Ich reiste quer durchs Land und verliebte mich in eine fremde Stadt. Ich sagte zu spontanen Unternehmungen mehr Ja als Nein. Ich sprach über Dinge, über die ich vorher nie ein Wort verlor. Ich lachte, weinte, fühlte und lebte. Tu es immer noch. Es ist, als ob ich aus einer Seifenblase aufgewacht bin, alles verschiebt sich um ein winziges Stück. Man bleibt man selbst, doch man verändert sich.

Doch das Wichtigste von allem: Ich habe mich kennengelernt.

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7 Gedanken zu “Projekt London | Reisen

  1. krinchen90 schreibt:

    Das klingt wundervoll… Würde auch so gerne mal eine Zeit in Großbritannien leben – Nicht mal unbedingt direkt in London, irgendwie reizt mich an der Insel alles…
    Einen kleinen Traum haben mein Freund und ich dieses Jahr immerhin schon erfüllt und sind eine Woche lang durch Südengland gereist… Die Zeit war natürlich viel zu kurz und man konnte längst nicht so viel sehen und die Mentalität so auffassen, als wenn man dort lebt… Aber schön wars trotzdem. Bisher war London meine Lieblingsstadt, nachdem wir jedoch 2 Tage in Cardiff/Wales waren hat sich das denke ich geändert… Ein traumhaftes Städtchen ❤

  2. ctravelstheworld schreibt:

    Huhu,
    ich habe eben zufällig deine Seite entdeckt über google 😉 Für mich geht es dieses Jahr im Juni für ein zweimonatiges Praktium nach London.
    Der Flug ist schon gebucht, zur Zeit bin ich auf der Suche nach einer Bleibe. Kannst du mir da einen Tipp geben? Wie hast du deine Gastfamilie gefunden?

    Viele Grüße, Tris

    • 3millionen schreibt:

      Hallo 🙂
      Oh, wie aufregend! 🙂 Ich habe damals meine Bleibe über http://www.zone2stay.co.uk/de gefunden. Zozi ist super nett und hilfsbereit, die Preise sind für die Lage gut. Sie vermittelt nur für Praktikanten aus Dtl. und bietet Zimmer bei Gastfamilien an, alle in Zone 2 gelegen und daher gut zentral. Falls du noch mehr Fragen hast, dazu oder noch andere Dinge in LDN, kannst du mich auch gerne per Mail kontaktieren 🙂
      Alles Liebe, Franzi

      • ctravelstheworld schreibt:

        Danke für deine schnelle Antwort! Ich habe mir das gleich mal angeschaut, sieht vielversprechend aus. Ich komme bestimmt auf dein Angebot zurück, es schwirren noch etliche Fragezeichen in meinem Kopf. 😉

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