Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara | Rezension

Nun wurde auch der deutsche Buchmarkt von Hanya Yanagiharas Werk „A Little Life“ überrollt. Überall sieht man das fast 1000 Seiten schwere Buch, dessen Cover ein schmerzverzerrtes Gesicht zeigt und zugleich eine schmerzvolle Handlung verspricht. Hätte ich vorher nicht die vielen aufgewühlten Meinungen gehört, wäre es wohl einfach an mir vorbeigezogen. Doch ich wurde neugierig, was hinter all diesen Gedanken, Tränen und Leseflauten steckt. Und so begann ich es zu lesen.

Dieses Leseexemplar habe ich von den Hanser Literaturverlagen im Austausch gegen eine aufrichtige Rezension zur Verfügung gestellt bekommen.

Worum geht’s?

Über Jahrzehnte verfolgt man das Leben der vier Freunde Jude, JB, Malcom und Willem. Kennengelernt auf dem College, ziehen sie gemeinsam nach New York, um dort ihre Karrieren zu beginnen. Während JB Skulpturen aus Haaren anderer macht, kellnert Willem in einem Restaurant, um zwischendurch von den großen Bühnen der Welt zu träumen. Malcom kämpft mit den hohen Erwartungen seines Vaters, zugleich verwandelt er die hässlichsten Häuser in seine Träume. Und Jude, der nie etwas von sich preisgibt? Er wird zum Dreh- und Angelpunkt dieser Freundschaft, während er versucht, einfach nur zu leben.

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Ein wenig Leben | Hanya Yanagihara
960 Seiten • ebook • Hanser Literaturverlage

Wie war mein Eindruck?

„Ein wenig Leben“ bietet viel, für manchen vielleicht zu viel. Einigen sind es zu viele Gefühle, zu viel Schmerz in seinen unterschiedlichsten Facetten. Für mich ist „Ein wenig Leben“ zu viel von allem. Bei fast 1000 Seiten kann das schnell ernüchternd. Doch wenn man sich durchbeißt, wird man belohnt – in dem man selbst ein wenig leidet.

Das Buch ist von seinen Charakteren geprägt. Alles dreht sich um die vier jungen Männer, die eine Freundschaft verbindet, von der manche nur träumen können. Seite um Seite erfährt man von ihrem Leben in New York: ihre Arbeit, ihr Freundeskreis, ihren familiären Hintergrund (bis auf Jude), ihre Beziehungen – einfach alles. Man lebt mit ihnen, altert mit ihnen. Ihre Freundschaft nimmt auch einen gewissen Raum ein, jedoch haben mir manche Dinge einfach gefehlt bei der Darstellung: Warum sind sie befreundet? Was verbindet sie? Zwischenzeitlich hatte ich außerdem das Gefühl, es drehe sich eigentlich um JB und Malcom separat von Jude und Willem als Freunde. Die Dynamik der vier hat mir oftmals gefehlt, was ich sehr schade finde.

Manch ein Charaktere ist in „Ein wenig Leben“ interessanter (Jude) als ein anderer (Malcom), manch einer wächst einem unglaublich ans Herz (Willem), während ein anderer etwas zu wenig Bühne bekommt (JB). Ich hätte unglaublich gerne mehr über JB erfahren. Die Beschreibungen seiner Gemälde waren mit meine liebsten Stellen im Buch. Auch Malcom ist mir – je mehr die Handlung voran geschritten ist – immer mehr ans Herz gewachsen. Und von Willem mag ich erst gar nicht beginnen. Nur Jude… Jude ist so schwierig. Ich konnte einfach keine Beziehung zu ihm herstellen, so sehr ich es auch versucht habe. Für mich war er immer zu viel des Guten.

Niemand ist perfekt in diesem Buch. Jeder Charakter hat seine Schwächen. Nicht nur zwei, drei Eigenschaft. Nein, hier sind es wirklich aufgeschlüsselte und über Kapitel hinweg ausformulierte, eingewebte Schwächen. Diversität ist hier auch vertreten, ganz groß, möchte ich behaupten (möchte hier aber auch nicht spoilern, daher bleibt es bei diesem Satz.)

Betrachtet man den Spannungsbogen von „Ein wenig Leben“, sind die ersten 400-500 Seiten ziemlich öde. Die Charaktere werden vorgestellt und man lebt mit ihnen, man erfährt ihre Geschichten, aber das etwas passiert, lässt auf sich warten. Gestört haben mich einige Szenen, die sich im Nachhinein betrachtet immer und immer wieder abgespielt haben. „Ein wenig Leben“ hat seine Längen. Manch einer mag sagen, auch die haben ihren Sinn und Zweck, für mich ziehen sie einfach nur die Handlung noch mehr in die Länge wie Kaugummi. Nach knapp 500 Seiten hat das Buch an Fahrt gewonnen. Die letzten 100 Seiten waren die besten, wenn auch die schrecklichsten.

„Freundschaft hieß, Zeuge des stetig tröpfelnden Leids, der ausgedehnten Strecken der Langeweile und der gelegentlichen Triumphe im Leben eines anderen zu werden. Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifelt sein durfte.“ – Hanser Literaturverlage

Seit langem hat mich kein Buch mehr berührt. Dafür hat es „Ein wenig Leben“ geschafft. Berührt nicht in dem Sinne, das ich berührt war und Mitgefühl hatte. Sondern dass das Buch zu mir durchgedrungen und meine Gefühle angeregt hat, etwas zu fühlen. Himmel, klingt das kompliziert. Ich war aufgewühlt, ich wollte wissen, wie es weitergeht, ich wollte, das endlich mal etwas passiert. Und auch wenn ich die ersten 800 Seiten ohne Regung gelesen habe, so hat mich das Ende mehr aus der Fassung gebracht als alles in dem Buch.

Warum?

Weil es mir einfach zu viel war im Mittelteil. Es war mir zu viel Schmerz, zu viel Leid, zu viele Beschreibungen und unnötige Szenen, das es richtig auf mich wirken konnte. Vielleicht konnte ich diese Art von Schmerz auch einfach nicht nachvollziehen in meiner heilen Welt. Dafür traf mich der Schmerz am Ende härter, als alles, was zuvor im Buch geschehen ist. Es zerriss mir das Herz, weil es sich so echt anfühlt und leichter nachvollziehen lässt. Diese Angst vor der Leere.

„Ein wenig Leben“ ist teilweise sehr frustrierend, tough und auch langatmig. Es hat großartig ausgearbeitete Charaktere, thematisiert wichtige Themen und kann für manch einen ziemlich hart werden, zu durchleben. Manch einer fühlt nur ein wenig, ein anderer wird von der Flut an Schmerz vielleicht überrollt. „Ein wenig Leben“ ist gut, mit seinen eigenen Schwächen. Dringende Empfehlungen zum Lesen würde ich allerdings nicht aussprechend.


3.5/5

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